Melanie Langenhan

Mobil werden und bleiben bei Hemiparese

4. August 2007

Vor etwa zwei Jahren standen wir vor einem großen Problem: Durch die verschiedenen OPs und die Bestrahlung des Kopfes war die Motorik von rechtem Arm und Bein zunehmend eingeschränkt. Unbewußt stellte sich eine Fehlhaltung ein, die zu so starken Schmerzen führte, dass ständig Schmerzmittel gegeben werden mussten. Keine Nacht ohne Unterbrechung durch Beschwerden und anschließenden Umzug in einen Sessel zum Weiterschlafen bis zum Morgen raubten uns die Kräfte.

Zuerst vermuteten wir Tumorwachstum oder ein Ödem, doch das MRT war in Ordnung. Auf die Fehlhaltung kamen wir erst nicht, denn die Halbseitenlähmung (Hemiparese) schlich sich langsam ein. Erst bemerkten wir einen leichter Tremor (Zittern) der rechten Hand, dann wurde der Gang schleppender und unsicher.

Durch die Hirntumor-Mailingliste bekam ich die Inspiration, nach Rehamaßnahmen bei Hemiparese zu recherchieren – und wurde fündig. Empfohlen wurde auf Neuroscript.com u.a.

  • Schwimmen
  • Radtraining auf eine Ergometer
  • Peroneus-Schiene

Das waren Optionen, die relativ leicht in den Alltag integriert werden können. Wir wollten jedoch noch orthopädisch abklären lassen, dass nicht etwa eine andere Ursache für die Schmerzen vorliegt.

Mit dem Orthopäden hatten wir leider nicht so viel Glück. Er war zwar voller Mitgefühl für unsere Lage, deutete aber die Röntgenbilder der Hüfte falsch und schickte uns mit Verdacht auf Hüftbruch wieder zum MRT. Die Ärzte in der Radiologie der Mainzer Uniklinik gaben glücklicherweise Entwarnung. Nun fiel dem Orthopäden nur noch ein, Schmerzmittel aufzuschreiben. Das war mir doch zu wenig! Es entspann sich in etwa folgendes Gespräch:

Ich: Was halten Sie denn von Schwimmen, z.B. im Thermalbad?

Arzt: Ja, genau! Das ist klasse, da schreibe ich Ihnen was auf (schreibt Wassertherapie auf, die wir zu irgendwelchen lebensfremden und arbeitnehmerunfreundlichen Terminen irgendwo wahrnehmen sollen – wo, hat er uns nicht gesagt)

Ich: Ist denn Training auf einem Ergometer, ich dachte da an ein Liegerad, eine Option?

Arzt: Prima Idee! Ich schreibe Ihnen was auf, das können Sie im Sanitätshaus mal einen Monat mieten und gucken, was es bringt (schreibt ein spezielles Trainingsgerät auf)

Ich: Ich habe von Peroneus-Schienen gelesen. Würde eine Peroneus-Schiene hier etwas bewirken? (Eine Peroneus-Schiene bringt einen unfreiwillig gestreckten Fuß (”Spitzfuß”) in den rechten Winkel zum Bein, so dass der Patient beim Laufen nicht über das nachschleifende Bein stolpert)

Arzt: Ja ja, ich schreibe Ihnen eine Peroneus-Schiene auf. Sehr gut!

Wir gingen also mit drei Rezepten, die quasi auf unserem eigenen Mist gewachsen waren, und ohne Schmerzmittelrezept nach Hause.

Die Peroneus-Schiene war ein Flop. Sie passte einfach nicht. Es blieb beim Versuch. In der Hirntumor-Mailingliste wurden aber auch positive Ergebnisse berichtet.

Die Wassertherapie machten wir auf eigene Faust im Wiesbadener Thermalbad. Jede Woche Schwimmen, erst als Tandem, dann jeder für sich. Die Fortschritte waren deutlich zu sehen. Dazu kam der Erholungseffekt und die Begeisterung, bei Minustemperaturen im warmen Aussenbecken oder bei den Blubberblasendüsen zu entspannen. Mit Schwerbehindertenausweis sind die Eintrittspreise übrigens deutlich vergünstigt.

Ergebnis: Schwimmen = Top!

Für das Radeln hatte ich ursprünglich an einen Kettler-Liegerad-Ergometer gedacht, der für Rehazwecke geeignet ist, einen niedrigen Einstieg hat und preislich im Rahmen liegt (ca. 950 EUR). Aber unser Orthopäde empfahl uns ein Sanitätshaus, wo wir dann (zu arbeitnehmerunfreundlichen Zeiten) vorstellig wurden. Die Beratung war immerhin nett und kompetent, und innerhalb weniger Tage wurde uns für einige Wochen ein Reck MOTOmed2 zum kostenlosen Test angeliefert.

Die Reck MOTOmed Geräte sind sehr viel ausgefeilter in ihren Funktionien und Erweiterungsmöglichkeiten als ein normales Liegerad. Sie sind motorbetrieben, damit auch ohne eigene Kraft trainiert werden kann (z.B. wenn der Patient im Rolli sitzt), können ans Bett montiert werden (für bettlägerige Patienten), mit einem Armtrainer ausgerüstet werden und verfügen über viele Finessen für alle Bedürfnisse. Wir waren sehr beeindruckt.

Leider sind diese Geräte richtig hochpreisig. Ich möchte nicht schreiben “teuer”, denn ich habe den Eindruck, dass sie wirklich gut sind. Der Service von MOTOmed selbst ist dazu außerordentlich freundlich und serviceorientiert. Weil man MOTOmeds nicht mieten, sondern nur kaufen kann, bietet die Firma wenigstens Finanzierungen an. Das ist durchaus eine Überlegung wert. Wir überlegten aber etwas anderes: Eine gesetzliche Krankenkasse übernimmt bei Verordnung und guter Begründung die Kosten für ein MOTOmed, die private KV – jedenfalls unsere – wollte einen faulen Deal machen … Wir sollten 1/4 der Kosten erstattet bekommen (= 1.000 EUR) und, sofern die Krankengymnastik reduziert bzw. eingestellt wird, nach einem halben oder ganzen Jahr weitere 1.000 EUR erhalten. Die anderen 2.000 EUR hätten wir selbst aufbringen müssen. Also wurde doch ein Liegerad-Ergometer (ähnlich dem Kettler Sitz-Ergometer RX7) angeschafft. Es war für uns die richtige Wahl, obwohl ein Armtrainer schon eine gute Sache wäre. Randbemerkung: Der Lieferant unseres Liegerads baut bestellte Trainingsgeräte auf Wunsch fertig zusammen, liefert komplett und schnell und macht ordentliche Preise (das gilt für ganz Deutschland).  

Das Training mit dem Liegerad brachte, zusammen mit dem Schwimmen, unglaubliche Ergebnisse. Innerhalb weniger Wochen waren alle Schmerzen verschwunden. Der Körper stabilisierte sich und das Laufen ging ohne Stock oder Rollator.

Ergebnis: Radeln = Top! Schwimmen + Radeln = fast ein Wunder!

Der Trainingseffekt verliert sich natürlich wieder, wenn nicht regelmäßig Sport getrieben wird. Täglich 20 Minuten auf dem Rad sind völlig in Ordnung, sorgen für einen knackigen Po und lassen sich prima mit Hörbüchern, Zeitschriften oder Fernsehen kombinieren.

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